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Zwei Alstätter Fensterbierscheiben aus dem Jahr 1686

Im vergangenen Jahr konnte die Stadt Ahaus von einem niederländischen Antikenhändler zwei zusammengehörende Kabinett- bzw. Fensterbierscheiben, die ursprünglich für eine Alstätter Familie hergestellt worden waren, erwerben.

Es handelt sich um zwei nahezu identische neunteilige, bleiverglaste Kabinettscheiben mit den Maßen 32,5 x 45,5 cm. Dargestellt ist jeweils in der Mitte ein Wappenschild mit Hausmarke, Visierhelm, Helmzier offener Flug, rechts und links Engel. Unter dem Wappenschild eine Inschriftenkartusche mit Engelsköpfen rechts und links.

Unterschiede in den nach gleicher Vorlage gestalteten Kabinettscheiben sind in den Inschriften zu sehen: Während die erste Scheibe neben der Hausmarke die Initialen D TH  lauten und die Inschrift in der Kartusche „Derrick ten Hagen kaufhandeler zu Alstedde Catharina Schmitz Eheleutte Anno 1686“ steht, heißt es auf der zweiten Scheibe oberhalb der Hausmarke B GTH und in der Kartusche ist unter den Initialen iTH ein blauer Doppelanker abgebildet. Bei der Kartusche der zweiten Scheibe scheint es sich nicht um die originale Ausstattung zu handeln, da der untere Abschluss der Kartusche nicht genau an die rechts und links angrenzenden Scheiben passt und darüber hinaus anders gestaltet ist als das Pendant der anderen Kabinettscheibe.



Im 17. Jahrhundert waren Kabinett- bzw. Fensterbierscheiben in den Wohnungen und Häusern wohlhabender Bürgerinnen und Bürger weit verbreitet, hatten sie doch einen doppelten Zweck: Zum einen erfüllten die durchscheinenden Scheiben den dahinter liegenden Raum mit Licht, ohne dass die Unbilden des Wetters ungehindert ins Haus eindringen konnten, zum anderen dienten die Glasmalereien der Repräsentation. Dies ließen sich die Hauseigentümer einiges Kosten, denn schon die Herstellung von flachen Glasscheiben war ausgesprochen aufwändig. Darüber hinaus musste die Malerei extra in Auftrag gegeben werden. Der Glasmaler legte dem Auftraggeber hierzu Vorlagen bzw. Vorlagensammlungen vor, aus denen gewählt werden konnte[1], so dass sich viele Motive immer wieder finden. Neben Hauseigentümern, die aus eigenem Interesse Kabinettscheiben herstellen ließen, war es auch allgemein üblich, dass ebensolche Fensterbierscheiben ausgewählten Bürgern vom Rat einer Stadt oder – wie in Alstätte – vom Gemeindepfarrer geschenkt wurden.

Die hier vorgestellten Kabinettscheiben gehörten der in Alstätte (heute Ahaus-Alstätte) alteingesessenen Familie ten Hagen (Tenhagen). Der genannte Derrick ten Hagen heiratete am 3. Februar 1675 in Alstätte Catharina Schmitz, d.h. die hier angegebene Datierung bezieht sich nicht auf das Heiratsdatum, sondern ist wohl das Herstellungs- oder Auftragsdatum dieser Fensterscheibe. Die auf der zweiten Scheibe genannten Personen mit den Initialen B und G ten Hagen bzw. i oder J ten Hagen konnten noch nicht identifiziert werden. Der familienbezogene Inhalt der Inschrift wie auch die Initialen lassen erkennen, dass die Scheiben auf Grund eines speziellen Auftrages hergestellt wurden.

Diese beiden Kabinettscheiben der Familie ten Hagen in Alstätte waren keine Einzelstücke.

Bereits ab 1643  verschenkte Pfarrer Bruse nach und nach insgesamt 43 (bemalte) Glasscheiben[2]. 1662 wird die Alstätter Kirche mit 40 neuen, gestifteten Scheiben ausgestattet, nachdem bereits im August 1654 vom Ahauser Glaser G(erhard) Vissing Glasscheiben – wahrscheinlich unbemalte – repariert wurden[3].  Zu den Scheiben von 1662 heißt es im Kirchenbuch „Anno domini 1662 haben Gott zu ehren undt der kirchen zirath uf mein ersuchen folgende newe glaser verehret, deren iedes kostet 1 rthr.“[4] Hierauf folgt die ausführliche Liste der Spender. Darunter auch der bereits 1654 genannte Glaser/Glasmacher G. Vissing.

In der Regel werden bei der Herstellung der Glasscheiben verschiedene Berufszweige unterschieden: Während „Glasmacher“ den Werkstoff Glas herstellten, waren Glaser bzw. Glasmaler für die Herstellung und/oder Bemalung der Glasfenster aus bereits vorgefertigten Glasscheiben zuständig. Diese Definition des Berufsbildes scheint für Ahaus und Alstätte nicht einheitlich gehandhabt worden zu sein. Im Kirchenbuch von Alstätte wird G. Vissing einmal als Glaser zu Ahaus (1654) bezeichnet, dann aber auch als „Glasemacher in Ahaus (1662). Oder es lag - so ist zu vermuten – in kleineren Orten die Glasherstellung und Weiterverarbeitung in einer Hand. Sicher ist jedoch, dass für den hier behandelten Zeitraum zwischen 1643 (Nachweis über das erste Verschenken einer Glasscheibe) und 1686 (Datumsangabe auf der hier vorgestellten Kabinettscheibe) nur dieser eine  Glaser/Glasmacher nachzuweisen ist. Obwohl sowohl in Wüllen wie auch in Ahaus der Familienname Vissing für das 17. Jahrhundert nachgewiesen ist, wird der Glaser Gerhard Vissing nicht in den Kirchenbüchern genannt. Die im Ahauser Kirchenbuch beurkundeten Geburten von Gerhardus Henricus Vissingh, geb. am 03.05.1671, Sohn des Henrich Vissingh und der Anna Lentingh[5],  und Gerhardt Vissingh, geb. am 18.12.1672, Sohn des Johann Vissingh  und der Fenna Lentingh, deuten auf verwandtschaftliche Beziehungen hin, doch sind es sicher nicht seine Söhne. Möglicherweise handelt es sich um Neffen. Biographische Nachrichten über den Glaser/Glasmacher Gerhard Vissing gibt es bisher nicht.

Aus dem 17. Jahrhundert haben sich bisher keine weiteren vollständigen Kabinettscheiben erhalten. Der Vollständigkeit  halber sei jedoch noch auf die zahlreichen bemalten Glasfragmente verwiesen, die von August und Gisela Bierhaus 1976 aus einer Baugrube an der Wallstraße in Ahaus geborgen werden konnten, und die in das 17. Jahrhundert zu datieren sind.[6]

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[1] Ausführlich zur Geschichte der Kabinett- bzw. Fensterbierscheiben in Kleinmanns, Joachim, Wappen, Reiter, fromme Sprüche, Bemalte Fensterscheiben in Westfalen,  Westfälisches Freilichtmuseum Detmold, 1997 (Schriften des Freilichtmuseums Detmold – Landesmuseum für Volkskunde, Bd. 15)

[2] Zitiert bei Tenhagen, Friedrich, Zerstreute Notizen in einem Alstätter Kirchenbuche, in: Aus alter Zeit, Organ des Vereins für Geschichtsforschung und Altertumskunde des Kreises Ahaus, X. Jahrgang, Nr. 10, Oktober 1912, Nachdruck Kreis Borken, 1988, S. 471f. Volker Tschuschke und Stephan Schmitz vermuten in ihrem Aufsatz „Barocke Kirchenfenster aus Alstätte“, in: Jahrbuch des Kreises Borken, 1992, S. 177 ff., das sich zwei Fenster, die heute verbunden mit einem dritten, etwas jüngeren Mittelteil, sich in Wüllen in Privatbesitz befinden, zu den im Jahr 1662 der Alstätter Kirche gestifteten Glasfenstern gehören.

[3] Ebenda, S. 469

[4] Zitiert nach Tenhagen, Friedrich, a.a.O., S. 471; Holzwig, Peter, Grundlegungen zu einer Pfarrgeschichte von Alstätte, Ahaus 1992, S. 44 und 45

[5]Die hier genannte Anna Lentingh ist vermutlich identisch mit der im Alstätter Kirchenbuch, a.a.O. Tenhagen S. 472, genannten „Mutter sahl. Lenting zu Ahaus, die 1643 von Pfarrer Brusse ein Glas (Glasscheibe) geschenkt bekommt.

[6] Eine kleine Auswahl der Fragmente ist veröffentlicht in: Margret Karras, Archäologische Untersuchungen in Ahaus 1974 – 1991, in: Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe, Jg. 9B, 1995, S. 523 f. und Taf. 39

 

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